

Das besondere Kennzeichen
von Rüllers Malerei besteht in ihrem Umgang mit vor-avangardistischer
Malerei. Dabei ist es allerdings kein besonderes Kennzeichen, dass diese Malerei
scheint´s recht unbefangen mit der Malereigeschichte umgeht, dass sie
sich mit ihr auseinandersetzt, sie ausnutzt. Im Gegenteil, solcher Umgang
mit Geschichte ist längst das besondere Kennzeichen der Zeit. Insofern
ist Rüllers Malerei nur so zeitgemäß, wie sich die Lehrer-Schüler-Thematik
zeitgemäß ist, die uns ja gerade deswegen so fasziniert, weil sie
uns, wenn schon keine Geschichte oder Tradition, so doch zumindest eine Kontnuität
verspricht, wenn auch nur eine Kontinuität in ihrer kürzesten Erscheinung,
in einer Tradierung. Wir sind bei unserem "Hunger nach Geschichte"
schon für Kurzgeschichten dankbar.
Rüller geht, wie gesagt, mit der Geschichte eigenartig um. Das heisst
hier zunächst einmal, dass er mit ihr anders umgeht als sein Lehrer Tadeusz,
den man ja schätzt, weil er bereits vor-avangardistisch bzw. "historisch"
malte, als das noch nicht so üblich war. Unter dem Gesichtspunkt der
Lehrer-Schüler-Thematik ist festzustellen, dass Rüller geradezu
den gegenpol zu seinem Lehrer besetzt. Seine Malerei ist in allen ihren malerischen
Beständen zunächst genau das, was die Malerei seines Lehrers nicht
ist. Sie ist konstruktiv, nicht expressiv; sie ist objektiv-distanziert, nicht
objektiv-besessen; sie ist objektiv, nicht subjektiv; sie ist - mit Nietzsche
gesprochen - apollinisch, nicht dionysisch. Unter dem Gesichtspunkt der Lehrer-Schüler-Thematik
lässt sie sich zunächst als eine Reaktion definieren. Sie ist anti-neoromantisch,
anti-mythisch, ja "undeutsch" und damit in einem bestimmten Sinn
auch unzeitgemäß.
Mit anderen Worten: Die Auseinandersetzung mit seinem Lehrer hat Rüller
davor bewahrt, jetzt neoromantisch zu malen, neo-expressiv, neo-mythisch und
so weiter; sie hat ihn zu einer eigenen Malerei gezwungen. - Das begann mit
einer grossen Serie von Arbeiten, die primär Farbwertigkeiten ausprobierten.
Rüller hat die Farbe dabei nie für farbfremde Zwecke benutzt. So
war beispielsweise die Bananenfrucht nur da um Gelbwerte auszuloten; Paprikaschoten
dienten Rot-Grün-Kompositionen, Stuhlbeinschatten waren für Blautönungen
gut. Eine von einem dargestellten Farbtopf fließende Farbe war nicht
dargestellt, sondern eine Farbe die floss. Rüllers Motive waren häufig
Malutensilien: Pinsel, Töpfe, Gläser, Tuben, Schüsseln, darunter
eine Wärmeplatte für Wachsfarben. - Was anfangs für die Farbe
galt, wurde zunehmend wichtiger auch für die Komposition. Sie verwertete
zunehmend die Wirklichkeit ausschlißlich für sich, schnitt sie
kompositionsgerecht zurecht, arrangierte, vergrößerte, ignorierte
sie zu eigenen Gunsten. Scheinbar willkürliche Perspektivwechsel wurden
mehr und mehr zu einem artifiziellen Verfremdungsmittel. Es entstanden Interieurs,
in denen die Irritation gerade so dosiert war, dass sie einer Zumutung nahe
kam. Dann wurden die Objekt- und Raumverfremdungen gesteigert, die schließlich
in Malerei auf Kappspiegelflügeln endeten. In Rüllers jüngsten
Arbeiten, die in dieser Ausstellung gezeigt werden, tritt solches Raffinement
zugunsten eines schlichteren, beinahe klassischen Bildausdrucks zurück.
Das gilt sowohl für den Bildgegenstand, für die Farbe und vor allem
für die Komposition. Unter Vermeidung jedweder Exzentrik geraten die
Gegenstands-, Farb- und Kompositionswerte in ein überraschendes Gleichgewicht.
Dass die neu gewonnene Harmonie - etwa die der Hafenansicht - nicht trivial
wirkt, hat seinen besonderen Grund. Sie zeigt ihre Konstruiertheit und erklärt
sich damit gewissermaßen von selbst. Sie legt die Bildgesetzlichkeit
offen und demonstriert damit ihre Knstlichkeit. Sie ist, wenn man will, nicht
nur durchschaubar, sondern da, um durchschaut zu werden. Insofern ist Rüllers
Malerei eine transparente, sich selbst reflektierende Malerei. Sie macht einem
nichts vor. Sie steht damit in der Tradition der alten Avantgarde, die - stilgeschichtlich
gesehen - einen Gegenpol zum Expressionismus ausbildete. Ich will den Stellenwert
von Rüllers Malerei nicht überinterpretieren. Wichtig erscheint
mir, dass sie als mögliche Alternative zur gegenwärtig gepflegten
Neoromantik gelten kann. Es ist kein Zufall, dass Rüllers Inspirationsquellen
nicht in der deutsche, sondern der französischen und amerikanischen Malerei-Tradition
zu finden sind.