rueller friedhelm
der Maler rüller


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Gästebucheintrag

Anmerkungen zu Friedhelm Rüllers Malerei

von Hans-Karl Gritschke
im Ausstellungskatalog Haverkamp Rüller Steinberg
des Kunstverein Gelsenkirchen

Das besondere Kennzeichen von Rüllers Malerei besteht in ihrem Umgang mit vor-avangardistischer Malerei. Dabei ist es allerdings kein besonderes Kennzeichen, dass diese Malerei scheint´s recht unbefangen mit der Malereigeschichte umgeht, dass sie sich mit ihr auseinandersetzt, sie ausnutzt. Im Gegenteil, solcher Umgang mit Geschichte ist längst das besondere Kennzeichen der Zeit. Insofern ist Rüllers Malerei nur so zeitgemäß, wie sich die Lehrer-Schüler-Thematik zeitgemäß ist, die uns ja gerade deswegen so fasziniert, weil sie uns, wenn schon keine Geschichte oder Tradition, so doch zumindest eine Kontnuität verspricht, wenn auch nur eine Kontinuität in ihrer kürzesten Erscheinung, in einer Tradierung. Wir sind bei unserem "Hunger nach Geschichte" schon für Kurzgeschichten dankbar.
Rüller geht, wie gesagt, mit der Geschichte eigenartig um. Das heisst hier zunächst einmal, dass er mit ihr anders umgeht als sein Lehrer Tadeusz, den man ja schätzt, weil er bereits vor-avangardistisch bzw. "historisch" malte, als das noch nicht so üblich war. Unter dem Gesichtspunkt der Lehrer-Schüler-Thematik ist festzustellen, dass Rüller geradezu den gegenpol zu seinem Lehrer besetzt. Seine Malerei ist in allen ihren malerischen Beständen zunächst genau das, was die Malerei seines Lehrers nicht ist. Sie ist konstruktiv, nicht expressiv; sie ist objektiv-distanziert, nicht objektiv-besessen; sie ist objektiv, nicht subjektiv; sie ist - mit Nietzsche gesprochen - apollinisch, nicht dionysisch. Unter dem Gesichtspunkt der Lehrer-Schüler-Thematik lässt sie sich zunächst als eine Reaktion definieren. Sie ist anti-neoromantisch, anti-mythisch, ja "undeutsch" und damit in einem bestimmten Sinn auch unzeitgemäß.
Mit anderen Worten: Die Auseinandersetzung mit seinem Lehrer hat Rüller davor bewahrt, jetzt neoromantisch zu malen, neo-expressiv, neo-mythisch und so weiter; sie hat ihn zu einer eigenen Malerei gezwungen. - Das begann mit einer grossen Serie von Arbeiten, die primär Farbwertigkeiten ausprobierten. Rüller hat die Farbe dabei nie für farbfremde Zwecke benutzt. So war beispielsweise die Bananenfrucht nur da um Gelbwerte auszuloten; Paprikaschoten dienten Rot-Grün-Kompositionen, Stuhlbeinschatten waren für Blautönungen gut. Eine von einem dargestellten Farbtopf fließende Farbe war nicht dargestellt, sondern eine Farbe die floss. Rüllers Motive waren häufig Malutensilien: Pinsel, Töpfe, Gläser, Tuben, Schüsseln, darunter eine Wärmeplatte für Wachsfarben. - Was anfangs für die Farbe galt, wurde zunehmend wichtiger auch für die Komposition. Sie verwertete zunehmend die Wirklichkeit ausschlißlich für sich, schnitt sie kompositionsgerecht zurecht, arrangierte, vergrößerte, ignorierte sie zu eigenen Gunsten. Scheinbar willkürliche Perspektivwechsel wurden mehr und mehr zu einem artifiziellen Verfremdungsmittel. Es entstanden Interieurs, in denen die Irritation gerade so dosiert war, dass sie einer Zumutung nahe kam. Dann wurden die Objekt- und Raumverfremdungen gesteigert, die schließlich in Malerei auf Kappspiegelflügeln endeten. In Rüllers jüngsten Arbeiten, die in dieser Ausstellung gezeigt werden, tritt solches Raffinement zugunsten eines schlichteren, beinahe klassischen Bildausdrucks zurück. Das gilt sowohl für den Bildgegenstand, für die Farbe und vor allem für die Komposition. Unter Vermeidung jedweder Exzentrik geraten die Gegenstands-, Farb- und Kompositionswerte in ein überraschendes Gleichgewicht. Dass die neu gewonnene Harmonie - etwa die der Hafenansicht - nicht trivial wirkt, hat seinen besonderen Grund. Sie zeigt ihre Konstruiertheit und erklärt sich damit gewissermaßen von selbst. Sie legt die Bildgesetzlichkeit offen und demonstriert damit ihre Knstlichkeit. Sie ist, wenn man will, nicht nur durchschaubar, sondern da, um durchschaut zu werden. Insofern ist Rüllers Malerei eine transparente, sich selbst reflektierende Malerei. Sie macht einem nichts vor. Sie steht damit in der Tradition der alten Avantgarde, die - stilgeschichtlich gesehen - einen Gegenpol zum Expressionismus ausbildete. Ich will den Stellenwert von Rüllers Malerei nicht überinterpretieren. Wichtig erscheint mir, dass sie als mögliche Alternative zur gegenwärtig gepflegten Neoromantik gelten kann. Es ist kein Zufall, dass Rüllers Inspirationsquellen nicht in der deutsche, sondern der französischen und amerikanischen Malerei-Tradition zu finden sind.